Südsudan: Warum Pater Gregor Ostern mit der ganzen Gemeinde feiern konnte

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Samstag, 6. Juni 2020
Ostern mit der Gemeinde feiern – in vielen Ländern der Welt ein unerfüllter Wunsch. Nicht so in der Pfarrei von Comboni-Missionar Gregor Schmidt. Im Interview verrät er, warum die Schutzmaßnahmen der Regierung in seiner Pfarrei kaum umgesetzt wurden.
[Cornelius Stiegemann – Katholisch.de]

Comboni-Missionar berichtet über Corona-Situation im Südsudan

Warum Pater Gregor Ostern
mit der ganzen Gemeinde feiern konnte

Der gebürtige Berliner P. Gregor Schmidt MCCJ lebt seit acht Jahren als Comboni-Missionar bei dem Hirtenvolk der Nuer im Südsudan. Zusammen mit einem weiteren Pater aus Uganda und einem Bruder aus Mexiko betreut er in der Diözese Malakal die Holy Trinity Pfarrei. Sie liegt im Sudd, dem Überschwemmungsgebiet des Nil, und ist etwa acht Mal so groß wie Berlin. Dort gibt es keine befestigten Straßen und die staatlichen Behörden müssen sich ihren Einfluss mit lokalen Autoritäten teilen – auch in Sachen Pandemiebekämpfung.

Zu den normalen Aufgaben des Comboni-Missionars P. Gregor Schmidt (vorne rechts) gehört auch die religiöse Bildung der Nuer.

Frage: Mit knapp 300 Fällen ist die Zahl der Infizierten im Südsudan gering. Gibt es bereits staatliche Maßnahmen gegen eine Ausbreitung des Virus?

P. Gregor Schmidt: Südsudan ist ein sehr armes Land, das Covid-19-Patienten nicht angemessen behandeln kann. Daher hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geraten, vor allem auf präventive Maßnahmen zu setzten. So hat die Regierung seit dem 20. März das öffentliche Leben stark eingeschränkt, obwohl es damals noch keinen bekannten Corona-Fall gab. Im ganzen Land wurden alle Schulen geschlossen, Gottesdienste und andere öffentliche Veranstaltungen abgesagt und in der Hauptstadt eine Ausgangssperre in der Nacht verhängt. Internationale Flüge wurden ganz eingestellt und drei Wochen später, als die erste infizierte Person in Juba gefunden wurde, ist auch der Inlandsverkehr auf der Straße, auf dem Nil und in der Luft für Passagiere fast vollständig eingestellt worden. In meiner Region folgt die Verwaltung den nationalen Vorgaben aber nur bedingt.

Frage: Warum werden diese Maßnahmen in Ihrer Region nicht alle umgesetzt?

Schmidt: Wir haben in unserer Mission eine Grundschule. Eine Woche nach dem Dekret in Juba kam ein handschriftlicher Brief von der Lokalverwaltung, dass wir für ein paar Wochen den Unterricht einstellen sollen. Die Schließung der (wenigen) Schulen des Countys war dann auch die einzige Maßnahme, die verordnet worden ist. Das Leben geht normal weiter und "social distancing" wird kaum erklärt. Die Verwaltung nimmt die Pandemie nicht als Bedrohung ernst. Das liegt unter anderem daran, dass wir relativ isoliert etwa 600 Kilometer von der Hauptstadt entfernt leben und nur mit kleinen Charterflügen erreicht werden können, weil unsere Region nicht an das Straßennetz angebunden ist. Wenn nun die Passagierflüge eingestellt sind, nimmt man an, dass das Virus nicht kommen wird.

Des Weiteren ist die Idee eines Staates, der das Leben der Bürger reguliert, noch nicht so richtig in der Peripherie angekommen. Der Nationalstaat hat sich in vielen Teilen des Südsudan noch nicht als Institution etabliert und die Sippen und Dörfer regeln ihre Angelegenheiten relativ autonom. Das gilt auch für die Bewegungsfreiheit und was die Leute entscheiden, was sie heute oder morgen tun wollen. Es gibt ein ausgeprägtes anarchisches Element in der lokalen Kultur. So setzen die lokalen Behörden nur so viel an Regeln um, dass sie nicht von höherer Stelle eine Mahnung erhalten, um ansonsten den Leuten nicht zu sehr zu Last zu fallen. Schulen schließen war das Einfachste, weil es niemanden stört. Jetzt hocken die Schüler auf dem Markt und teilen sich die Wasserpfeife.

Frage: Beeinflussen die Schutzmaßnahmen Ihre Arbeit und die Seelsorge vor Ort in irgendeiner Weise?

Schmidt: Bisher sind keine Einschränkungen in der Seelsorge nötig. Unsere Arbeit als Missionare besteht darin, die circa 80 Kapellen der Pfarrei über das Jahr verteilt zu besuchen, um dort zu beten, zu lehren und die Sakramente zu spenden. Wir haben auch zahlreiche Gruppentreffen und Schulungen im Pfarrzentrum für Katecheten, Frauen und Jugendliche. Über Caritas Deutschland betreuen wir einige landwirtschaftliche Projekte. Wir feiern auch weiterhin die tägliche Messe mit den Gläubigen.

Frage: Sie konnten Ostern ohne Einschränkungen mit Ihrer Gemeinde feiern?

Schmidt: Dieses Osterfest war uns sehr wichtig. Wir hatten fünf Erwachsenentaufen, 60 Firmungen und sieben Hochzeiten. Es gab eine lange Vorbereitung und wenn die Autoritäten das Gottesdienstverbot aus der Hauptstadt uns auferlegt hätten, dann wäre es fast unmöglich gewesen, dieses Jahr einen anderen Termin für die Feier der Sakramente zu finden. Insbesondere stand dieses Jahr zu Ostern das Sakrament der Ehe im Mittelpunkt. Wir leben nämlich in einer polygamen Gesellschaft, in der fast alle Christen dieses Familienmodell fortführen. Wir haben viele Jahre darauf hingewirkt, dass einige katholische Männer sich auf das "neue" Familienmodell einlassen. Die Ehe hier ist kein Bund zwischen zwei Individuen, sondern eine Allianz zwischen zwei Sippen. Demnach braucht es auch die ausdrückliche Erlaubnis beider Familien, dass der Mann und seine Frau monogam bleiben dürfen. Dieser Reflexionsprozess dauert erfahrungsgemäß mindestens zehn Jahre ab der traditionellen Hochzeit. Daher haben monogame Paare, die ihre Ehe mit dem Sakrament segnen, schon viele Kinder und teilweise schon Enkel.

Die Lebensweise der Nuer habe sich "seit Abrahams Zeiten" kaum verändert, sagt P. Gregor Schmidt.
Hier sieht man Angehörige des Volkes, die ein traditionelles Rundhaus bauen.

Frage: Wie ist das für Sie, wenn Sie von der Situation in Europa erfahren und vor Ort noch fast alles seinen gewohnten Gang geht?

Schmidt: Wir sind sehr betroffen von den Nachrichten, die aus Europa kommen. Vor allem ist uns die Situation in Italien nahe gegangen, weil auch einige Comboni-Missionare und -Schwestern an Covid-19 gestorben sind. Was mich mit den Jahren immer mehr beeindruckt, ist, wie gut organisiert der moderne Staat in entwickelten Ländern ist und den Bürgern hilft, ihr Leben zu entfalten. Selbst die Krise wird effektiv gemanagt, und die deutsche Bevölkerung macht mit und folgt bereitwillig den Einschränkungen. Im absoluten Kontrast dazu habe ich im Südsudan eine akephale, vorstaatliche Gesellschaftsform kennen gelernt: die polygame Hirtenkultur, die sich seit Abrahams Zeiten nur geringfügig geändert hat. Der Staat erscheint eher als virtuelle Realität und trotzdem organisiert sich der Alltag angenehm, wenn auch auf etwas chaotische Weise.

Frage: Fürchten Sie oder die Menschen in Ihrem Umfeld einen Ausbruch der Pandemie auch in Ihrer Region?

Schmidt: Diese Frage macht nur für einen Kontext Sinn, wo die Krise die Ausnahme ist. In unserer Region ist der Tod und das Leid der Kranken allgegenwärtig, weil die Gesundheitsversorgung nur rudimentär existiert. Somit herrscht dauernd ein medizinischer Notstand. Menschen sterben schnell und früh an Malaria und anderen Tropenkrankheiten, aber auch an Tetanus, weil die Bevölkerung nicht leicht geimpft werden kann. Viele haben verkrüppelte Gliedmaßen wegen Polio. Die Menschen haben keine Angst vor einer weiteren Krankheit, die vielleicht gar nicht bemerkt wird, weil die gleichen Symptome auch bei anderen Krankheiten auftreten. Es gibt hier zum Beispiel eine Tuberkulose-Station, deren Patienten Atemwegsbeschwerden haben.

Dazu kommt, dass Krankheit und Tod in Zusammenhang mit Tabubruch und sozialem Fehlverhalten interpretiert werden. Die Einsicht, dass eine unsichtbare Molekülkette einen realen negativen Effekt auf die Gesundheit haben kann, übersteigt die Vorstellungskraft. Wie die medizinische Versorgung ist auch das Schulsystem nicht etabliert. In unserem County haben weniger als ein Prozent der Bevölkerung die Grundschule beendet. Die meisten Menschen haben kein Wissen über Krankheitserreger und können die Bedeutung der Pandemie gar nicht einordnen. Das bewirkt dann auch, dass man sich weniger Sorgen macht, wenn schon der Alltag seine tägliche Sorge mit sich bringt. Man lebt hier wirklich von einem Tag zum nächsten und denkt wenig an Übermorgen.

Die Erwartung eines schnellen Todes prägt auch den Glauben. Die Menschen nehmen an, dass Gott den Tag des eigenen Todes schon festgelegt hat. Niemand stirbt "zu früh". Da kann man dann auch mit einer Pandemie gelassener umgehen. In Deutschland bringt die Corona-Krise die Verwundbarkeit des Daseins ins Bewusstsein. Das ist eine ungewöhnliche Erfahrung für die meisten Menschen in Europa, aber eine alltägliche Erfahrung vieler Menschen in der Welt. Ich beobachte, dass unsere Christen in ihrem Ausgeliefertsein an die Natur in bewusster Weise die Zuversicht ganz auf Gott setzen. Denn durch den Glauben weicht die Angst der Gewissheit, dass der HERR unsere Zuflucht ist, besonders im Leid und in Existenznöten. Wenn unser Leiden in die Beziehung mit Jesus Christus hineingenommen wird, dann erfahren wir die göttliche Kraft, die alles zum Guten verwandelt. Diese Weise zu Vertrauen ist eine Gabe von Afrika an das säkulare Europa.
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Cornelius Stiegemann – Katholisch.de]