Donnerstag, 14. Januar 2021
Dieses Wort möchte ich heute hervorheben: Solidarität. Ddas Prinzip der Solidarität ist heute so nötig wie nie zuvor, wie der heilige Johannes Paul II. gelehrt hat (vgl. Enzyklika Sollicitudo rei sociali, 38-40). In einer vernetzten Welt erfahren wir, was es bedeutet, im selben »globalen Dorf« zu leben. Das ist ein schöner Ausdruck: Die große Welt ist nichts anderes als ein globales Dorf, weil alles miteinander verbunden ist. Wir verwandeln die gegenseitige Abhängigkeit jedoch nicht immer in Solidarität. Es ist ein langer Weg von der gegenseitigen Abhängigkeit zur Solidarität.

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!
Nach vielen Monaten nehmen wir unsere Begegnung von Angesicht zu Angesicht wieder auf, und nicht von Bildschirm zu Bildschirm. Von Angesicht zu Angesicht. Das ist schön! Die gegenwärtige Pandemie hat unsere gegenseitige Abhängigkeit deutlich gemacht: Wir sind alle miteinander verbunden, die einen mit den anderen, sowohl im Schlechten als auch im Guten.

Um besser aus dieser Krise herauszukommen, müssen wir dies also gemeinsam angehen. Gemeinsam, nicht alleine, gemeinsam. Alleine nicht, denn das geht nicht! Entweder macht man es gemeinsam, oder man macht es nicht. Wir müssen es gemeinsam tun, alle zusammen, in Solidarität. Dieses Wort möchte ich heute hervorheben: Solidarität. Als Menschheitsfamilie haben wir unseren gemeinsamen Ursprung in Gott; wir bewohnen ein gemeinsames Haus – den Planeten, unseren »Garten« –, die Erde, auf die Gott uns gestellt hat; und wir haben eine gemeinsame Bestimmung in Christus. Aber wenn wir das alles vergessen, dann wird unsere gegenseitige Abhängigkeit zur Abhängigkeit einiger von anderen – wir verlieren die Harmonie der gegenseitigen Abhängigkeit in der Solidarität – und vermehrt Ungleichheit und Ausgrenzung; das Sozialgefüge wird geschwächt, und die Umwelt wird geschädigt. Es ist immer dasselbe Muster.

Daher ist das Prinzip der Solidarität heute so nötig wie nie zuvor, wie der heilige Johannes Paul II. gelehrt hat (vgl. Enzyklika Sollicitudo rei sociali, 38-40). In einer vernetzten Welt erfahren wir, was es bedeutet, im selben »globalen Dorf« zu leben. Das ist ein schöner Ausdruck: Die große Welt ist nichts anderes als ein globales Dorf, weil alles miteinander verbunden ist. Wir verwandeln die gegenseitige Abhängigkeit jedoch nicht immer in Solidarität. Es ist ein langer Weg von der gegenseitigen Abhängigkeit zur Solidarität. Die Egoismen – individuelle, nationale, machtpolitischen Egoismen – und ideologische Starrheit nähren im Gegensatz dazu »Strukturen der Sünde« (ebd., 36).

»Das Wort ›Solidarität‹ hat sich ein wenig abgenutzt und wird manchmal falsch interpretiert, doch es bezeichnet viel mehr als einige gelegentliche großherzige Taten. Es erfordert, eine neue Mentalität zu schaffen, die in den Begriffen der Gemeinschaft und des Vorrangs des Lebens aller gegenüber der Aneignung der Güter durch einige wenige denkt« (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 188). Das bedeutet Solidarität. Es geht nicht nur darum, den anderen zu helfen – es ist gut, das zu tun, aber es ist mehr –, sondern es geht um Gerechtigkeit (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1938-1940). Um solidarisch zu sein und Frucht zu tragen, braucht die gegenseitige Abhängigkeit starke Wurzeln im Menschen und in der von Gott geschaffenen Natur. Sie braucht die Achtung der Gesichter und der Erde.

Die Bibel warnt uns von Anfang an. Denken wir an die Erzählung vom Turmbau zu Babel (vgl. Gen 11,1-9), die beschreibt, was geschieht, wenn wir versuchen, bis zum Himmel – unser Ziel – zu gelangen und dabei die Verbindung mit dem Menschen, mit der Schöpfung und mit dem Schöpfer außer Acht lassen. Das soll heißen: Es geschieht immer dann, wenn man immer weiter aufsteigen will, ohne die anderen zu berücksichtigen. Ich allein! Denken wir an den Turm. Wir konstruieren Türme und Wolkenkratzer, aber wir zerstören die Gemeinschaft. Wir vereinen Gebäude und Sprachen, aber wir vernichten den kulturellen Reichtum. Wir wollen Herren über die Erde sein, aber wir zerstören die Biodiversität und das ökologische Gleichgewicht. Ich habe euch in einer anderen Audienz von jenen Fischern in San Benedetto del Tronto erzählt, die in diesem Jahr gekommen sind und zu mir gesagt haben: »Wir haben 24 Tonnen Müll aus dem Meer entfernt, und die Hälfte davon war Plastik.« Denkt nur! Sie haben die Gabe, Fische zu fangen, ja, aber auch, den Müll aufzufischen und ihn zu entfernen, um das Meer zu säubern. Aber diese [Verschmutzung] bedeutet, die Erde zu zerstören, keine Solidarität zu haben mit der Erde, die ein Geschenk ist, und das ökologische Gleichgewicht.

Ich erinnere mich an eine mittelalterliche Erzählung, die dieses »Babel-Syndrom« beschreibt, das dann auftritt, wenn keine Solidarität vorhanden ist. In dieser mittelalterlichen Erzählung heißt es, dass beim Bau eines Turms, wenn ein Mann herunterfiel – es waren Sklaven – und starb, niemand etwas sagte, höchstens: »Der Ärmste, er hat einen Fehler gemacht und ist heruntergefallen.« Wenn jedoch ein Ziegel herunterfiel, dann klagten alle darüber. Und wenn jemand schuld daran war, wurde er bestraft! Warum? Weil es teuer war, einen Ziegel zu machen, herzustellen, zu brennen. Es brauchte Zeit und Arbeit, um einen Ziegel herzustellen. Ein Ziegel war mehr wert als das menschliche Leben. Jeder von uns möge darüber nachdenken, was heute geschieht. Leider kann auch heute so etwas geschehen. Es fällt irgendeine Quote auf dem Finanzmarkt – wir haben es in diesen Tagen in den Zeitungen gesehen –, und die Nachricht ist in allen Agenturen. Es sterben Tausende von Menschen aufgrund von Hunger und Elend, und keiner spricht darüber.

Im Gegensatz zu Babel steht das Pfingstereignis, wir haben zu Beginn der Audienz davon gehört (vgl. Apg 2,1-3). Der Heilige Geist kommt vom Himmel her wie Sturm und Feuer, das auf die im Abendmahlssaal eingeschlossene Gemeinschaft niedergeht, gießt ihr die Kraft Gottes ein, drängt sie hinauszugehen, um allen Jesus, den Herrn, zu verkündigen. Der Geist schafft die Einheit in der Vielfalt, er schafft die Harmonie. In der Erzählung vom Turmbau zu Babel gibt es keine Harmonie; man machte weiter, um Geld zu verdienen. Dort war der Mensch ein reines Werkzeug, reine »Arbeitskraft«, aber hier, beim Pfingstereignis, ist jeder von uns ein Werkzeug, aber ein gemeinschaftliches Werkzeug, das mit seinem ganzen Selbst am Bau der Gemeinschaft teilnimmt. Der heilige Franz von Assisi wusste das gut, und beseelt vom Heiligen Geist nannte er alle Menschen, ja alle Geschöpfe »Bruder« oder »Schwester« (vgl. Ls, 11; vgl. hl. Bonaventura, Legenda maior, VIII, 6: FF1145). Auch Bruder Wolf, denken wir daran.

Durch das Pfingstereignis wird Gott gegenwärtig und inspiriert den Glauben der Gemeinschaft, die in Vielfalt und Solidarität vereint ist. Vielfalt und Solidarität in Harmonie vereint, das ist der Weg. Eine solidarische Vielfalt besitzt die »Antikörper«, damit die Einzigkeit eines jeden – der ein einzigartiges und unwiederholbares Geschenk ist – nicht an Individualismus, an Egoismus erkrankt. Die solidarische Vielfalt besitzt auch die Antikörper, um gesellschaftliche Strukturen und Prozesse zu heilen, die zu Systemen der Ungerechtigkeit, zu Systemen der Unterdrückung degeneriert sind (vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, 192).

Die Solidarität ist heute also der Weg, der beschritten werden muss auf eine nachpandemische Welt hin, auf eine Heilung unserer zwischenmenschlichen und sozialen Krankheiten hin. Es gibt keinen anderen. Entweder gehen wir voran auf dem Weg der Solidarität, oder die Dinge werden sich verschlechtern. Ich möchte es wiederholen: Aus einer Krise geht man nicht genauso hervor, wie man früher war. Die Pandemie ist eine Krise. Aus einer Krise geht man entweder besser oder schlechter hervor. Wir müssen wählen. Und die Solidarität ist ein Weg, um besser aus der Krise herauszukommen – nicht mit oberflächlichen Veränderungen, mit einem Anstrich, und alles ist in Ordnung. Nein. Besser! Inmitten der Krise gestattet uns eine vom Glauben geleitete Solidarität, die Liebe Gottes in unserer globalisierten Kultur umzusetzen, nicht indem wir Türme oder Mauern bauen – und wie viele Mauern werden heute gebaut! –, die trennen, aber dann einstürzen, sondern indem wir Gemeinschaften knüpfen und Prozesse eines wirklich menschlichen und soliden Wachstums fördern.

Und dabei hilft die Solidarität. Ich stelle eine Frage: Denke ich darüber nach, was die anderen brauchen? Jeder möge in seinem Herzen antworten. Inmitten von Krisen und Stürmen appelliert der Herr an uns und lädt uns ein, die Solidarität neu zu erwecken, die in der Lage ist, Solidität und Unterstützung zu schenken und diesen Stunden, in denen alles Schiffbruch zu erleiden scheint, einen Sinn zu geben. Möge die Kreativität des Heiligen Geistes uns ermutigen, neue Formen familiärer Gastfreundschaft, fruchtbarer Geschwisterlichkeit und universaler Solidarität zu entwickeln. Danke.
[PAPST FRANZISKUS,
GENERALAUDIENZ, Damasushof, Mittwoch, 2. September 2020]