Samstag, 29. August 2020
Der Comboni-Pater Gregor Schmidt lebt seit elf Jahren im Südsudan, acht Jahre davon bei dem Hirtenvolk der Nuer. Zusammen mit einem weiteren Pater aus Uganda und einem Bruder aus Mexiko betreuen sie die Holy Trinity-Pfarrei in der Diözese Malakal. Das Gebiet liegt im Sudd, dem Überschwemmungsgebiet des Nil, und ist etwa achtmal so groß wie Berlin. Im Sudd gibt es keine Straßen für Fahrzeuge. Kapellen können nur zu Fuß oder mit dem Boot erreicht werden. Die Region ist weder an das Strom- noch an das Telefonnetz angeschlossen. [Sehen Sie die Website
Forum Weltkirche]

Wenn Corona nicht alles ist

Die Wahl zwischen zwei Übeln

Die Region, in der Pater Gregor Schmidt arbeitet, liegt sehr abgeschieden.
Zu Fuß und per Boot besucht er seine Gemeinden.
In der Regenzeit ist es besonders mühsam, die Gläubigen zu erreichen.
Wenn Ware nach einer langen Reise aus der 600 Kilometer entfernten Hauptstadt Juba geliefert wird,
ist das ein besonderes Ereignis. Alle helfen mit beim Entladen der Boote.

Der Südsudan gehört in jeder Hinsicht zu den Schlusslichtern Afrikas. Sechs Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs haben die Konfliktparteien endlich begonnen, in einer Übergangsregierung zusammenzuarbeiten. Es herrscht politische Instabilität und Gesetzlosigkeit. Industrie, Schulwesen und Gesundheitssystem sind am Boden, da sie auch in den Jahren vor dem Bürgerkrieg kaum entwickelt wurden. Es gibt keine einzige produzierende Fabrik im Land. Drei von vier Südsudanesen sind Analphabeten. Die Gesundheitsversorgung funktioniert nur an den wenigen Orten, wo Kirchen oder humanitäre Organisationen die Verantwortung tragen. Die Sterblichkeitsrate durch Krankheiten und Mangelernährung gehört zu den höchsten weltweit. Dazu kommen etwa 400.000 Bürgerkriegstote in den vergangenen sechseinhalb Jahren.

In dieser Situation stellt die Ankunft der Covid-19-Pandemie eine zusätzliche Herausforderung dar. Man kann aber auch fragen, inwieweit die Pandemie ins Gewicht fällt, wenn andere, größere Krisen die Bevölkerung plagen. Die Antwort fällt nicht einheitlich aus und hängt davon ab, ob Menschen in der Stadt oder auf dem Land leben. Bemerkenswert ist zum Beispiel die Erklärung des ökumenischen South Sudan Council of Churches (Südsudanesischer Kirchenrat, SSCC) vom 13. Mai 2020, dass die Virus-Pandemie für die Konfliktparteien ein Anlass sein sollte, jetzt wirklich alle Kämpfe einzustellen. Neben bewaffneten Angriffen, die dem Bürgerkrieg zugerechnet werden, gibt es parallel viele andere interethnische Konflikte mit Tausenden Toten jedes Jahr. Aber die meisten Menschen sterben an Krankheiten, die einfach durch Vorsorge oder durch Medikamente verhindert werden könnten.

Schutzmaßnahmen und deren Folgen

Weil die mangelnde, bisweilen kaum existente Gesundheitsversorgung schon mit gewöhnlichen Krankheiten überfordert ist, ist von vornherein klar gewesen, dass der Südsudan Covid-19-Patienten nicht angemessen behandeln kann. Daher hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geraten, vor allem auf präventive Maßnahmen zu setzten. So hat die Regierung seit dem 20. März das öffentliche Leben stark eingeschränkt, obwohl es damals noch keinen bekannten Corona-Fall gab. Im ganzen Land wurden alle Schulen geschlossen, Gottesdienste und andere öffentliche Veranstaltungen abgesagt, und in der Hauptstadt wurde eine Ausgangssperre in der Nacht verhängt. Alle Grenzübergänge wurden geschlossen und internationale Flüge eingestellt. Drei Wochen später, als die erste infizierte Person in der Hauptstadt Juba identifiziert wurde, ist auch der Inlandsverkehr für Passagiere auf der Straße, auf dem Nil und in der Luft fast vollständig eingestellt worden.

Bis Ende Mai wurden etwa 800 Fälle gemeldet, darunter das halbe Kabinett, der Vizepräsident, dessen Frau und Gerüchten zufolge sogar der Präsident. Alle Mitglieder der Sondereinheit der Regierung (High-Level Taskforce on Covid-19), die Schutzmaßnahmen für das Land vorschlagen und umsetzen soll, sind auch am Virus erkrankt. Die Zahl der bekannten Fälle ist übrigens nur deshalb so niedrig, weil so wenig getestet wird. Die wirkliche Zahl der Infizierten dürfte in der dichtbevölkerten Hauptstadt weit höher sein. Die Regierung hat die Zahl der Intensivbetten mit Sauerstoffbeatmung in Juba von 24 auf 100 erhöht. An vier Betten können Patienten mechanisch beatmet werden. Das ist jedoch noch nicht einmal der besagte »Tropfen auf den heißen Stein«, denn im Land leben mehr als elf Millionen Menschen.

Die Schutzmaßnahmen in Juba und anderen Städten verhindern, dass Menschen sich ihren Lebensunterhalt verdienen können. Viele arbeiten im informellen Sektor und müssen das »täglich Brot« jeden Tag von neuem erwirtschaften. Der Lockdown verbietet viele Formen von informeller Erwerbsarbeit oder macht sie für diesen Zeitraum überflüssig. Viele Arbeitnehmer wurden entlassen. Angestellte des öffentlichen Dienstes sind es ohnehin gewohnt, Monate auf ihre Gehälter zu warten. Gleichzeitig sind die Lebensmittelpreise um 30 bis 75 Prozent gestiegen. Wenn schon der Bürgerkrieg eine Katastrophe verursacht hat, so stellen die ökonomischen Folgen der Pandemie eine weitere Bürde für die Stadtbevölkerung dar. Sozialstaat und Krankenversicherung gibt es nicht. Einige Experten befürchten, dass die (indirekten) Todesfälle aufgrund des Lockdowns höher sein werden, als wenn sich die Bevölkerung ohne Schutzmaßnahmen mit dem Virus infizieren würde. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) sagt voraus, dass aufgrund der Pandemie anstatt sechseinhalb nun acht Millionen Südsudanesen dieses Jahr hungern werden.

Pater Gregor Schmidt feiert die Sonntagsmesse in der Pfarrgemeinde Old Fangak.
Die Grundschule im dortigen Pfarrzentrum wurde aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen.
Die Schließung der Schulen ist bislang die einzige Maßnahme, die ergriffen wurde, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Situation auf dem Land

Etwa 80 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land. Traditionell versorgen sich Familien durch Landwirtschaft, Fischfang und Viehherden selber und betreiben Tauschhandel. Da es kaum Erwerbsarbeit und oft nur wenig Geldverkehr gibt, ist die Verschärfung der ökonomischen Krise durch die Pandemie kaum zu spüren. Das heißt nicht, dass das Leben auf dem Land einfacher wäre, sondern nur, dass es sich durch die Vorgaben der Regierung nicht wesentlich verschlechtern konnte.

Ich beschreibe im Folgenden die Situation meiner Region:

Die Schutzmaßnahmen, die von der Regierung seit dem 20. März für das ganze Land verhängt worden sind, werden von der Verwaltung vor Ort nur bedingt umgesetzt. Wir haben im Pfarrzentrum in Old Fangak eine Grundschule. Eine Woche nach dem Dekret in Juba erhielten wir einen handschriftlich verfassten Brief von der Lokalverwaltung, in dem geschrieben stand, dass wir für ein paar Wochen den Unterricht einstellen sollten. Die Schließung der (wenigen) Schulen des Countys (Bezirks) war dann auch die einzige Maßnahme, die verordnet worden ist. Das Leben nimmt seinen gewohnten Lauf, und Social Distancing wird kaum angeordnet.

Die Verwaltung nimmt die Pandemie als Bedrohung nicht ernst. Das liegt unter anderem daran, dass wir relativ isoliert etwa 600 Kilometer von der Hauptstadt entfernt leben und nur mit kleinen Charterflügen erreicht werden können, weil unsere Region nicht an das Straßennetz angebunden ist. Weil die Passagierflüge eingestellt sind, nimmt man an, dass das Virus nicht bis zu uns gelangen wird.

Des Weiteren ist die Idee eines Staates, der das Leben der Bürger reguliert, nicht richtig in der Peripherie angekommen. Der Nationalstaat hat sich in vielen Teilen des Südsudan noch nicht als Institution etabliert, und die Sippen und Dörfer regeln ihre Angelegenheiten relativ autonom. Es gibt ein ausgeprägt anarchisches Element in der lokalen Kultur. So setzen die lokalen Behörden nur so viel an Regeln um, dass sie nicht von höherer Stelle eine Mahnung erhalten. Das Schließen der Schulen gestaltete sich am einfachsten, weil es niemanden stört. Jetzt tummeln sich die Schülerinnen und Schüler auf dem Markt und teilen sich die Wasserpfeife.

Unsere pastorale Arbeit ist demnach nicht von Einschränkungen betroffen. Wir feiern in Old Fangak täglich eine öffentliche Messe und besuchen über das Jahr verteilt die etwa 80 Kapellen der Pfarrei, um dort zu beten, zu lehren und die Sakramente zu spenden. Im Pfarrzentrum finden zahlreiche Gruppentreffen und Schulungen für Katecheten, Frauen und Jugendliche statt. Das nächste Treffen ist für August geplant. Bis dahin ist noch Zeit, um die Entwicklung der Pandemie im Blick zu haben. Da jedoch bei uns (wie fast überall auf dem Land) nicht getestet wird, ist es schwer festzustellen, ob es Corona-Infizierte in unserer Region gibt.

Diese Aussage mag zunächst verwundern, wenn wir an Städte wie Bergamo oder New York denken. Covid-19 macht sich durch eine höhere Todesrate in Ländern mit funktionierendem Gesundheitssystem bemerkbar. Da es diese Versorgung im Südsudan nicht gibt, herrscht dauernd ein medizinischer Notstand oder besser gesagt eine Situation wie im 19. Jahrhundert vor dem Durchbruch der modernen Medizin. Der Tod und das Leid der Kranken sind allgegenwärtig. Menschen sterben jung und schnell an Tropenkrankheiten und den Folgen von Mangelernährung, aber auch an Tetanus, weil die Bevölkerung nicht leicht geimpft werden kann.

Zwar gibt es in Fangak County vier Kliniken, aber bei einer Fläche von 7.600 km2 sind viele Dörfer ein bis zwei Tagesmärsche von der nächsten Klinik entfernt. Patienten werden oft erst im Endstadium einer Krankheit gebracht, dann ist es allerdings zu spät, um ihnen zu helfen. Leider sind auch die Diagnosemöglichkeiten beschränkt. Es werden hauptsächlich Standardkrankheiten behandelt, für die es praktischerweise eine Tablette oder Spritze gibt. Aufwendige Therapien werden nicht angeboten. Oft verlassen Patienten die Klinik nur mit Schmerzmitteln, ohne Diagnose. Wenn es keine Corona-Tests gibt, stellt sich die Frage, inwieweit eine Krankheit bemerkt werden kann, deren Symptome auch bei anderen Krankheiten auftreten. Fieber, Müdigkeit, laufende Nase, trockener Husten und andere Atemwegsbeschwerden gibt es immer.

Es erübrigt sich zu erwähnen, dass niemand prophylaktisch Schutzmasken oder Hygieneprodukte an die Bevölkerung verteilt. Wir haben Ende April mit der Klinik in Old Fangak gesprochen, ob die Frauen vom Schneiderkurs der Pfarrei Masken nähen sollen. Das wurde mit der Begründung abgelehnt, dass der Auftrag schon an jemanden in Juba vergeben worden sei. Bislang sind die Masken jedoch nicht angekommen.

Sicht auf den Tod

Die Menschen unserer Region nehmen wahr, dass sich eine ungewöhnliche Krankheit ausbreitet. Traditionell werden Krankheit und Tod aber in Zusammenhang mit Tabubruch und sozialem Fehlverhalten interpretiert. Die Einsicht, dass eine unsichtbare Molekülkette einen realen negativen Effekt auf die Gesundheit haben kann, übersteigt die Vorstellungskraft vieler. Wie die medizinische Versorgung ist auch das Schulsystem nicht etabliert. In unserem County (Bezirk) haben weniger als ein Prozent der Bevölkerung die Grundschule beendet. Die meisten Menschen haben kein Wissen über Krankheitserreger und können die Bedeutung der Pandemie daher nicht einordnen.

Das bewirkt dann auch, dass sie sich weniger Sorgen um Nachrichten von einer fernen Krankheit machen, wenn schon der Alltag seine täglichen Sorgen mit sich bringt. Man lebt von einem Tag zum nächsten und geht davon aus, dass Gott den Tag des eigenen Todes bereits festgelegt hat. Niemand stirbt »zu früh«. Der Tod ist wie der Sonnenuntergang etwas Unausweichliches und fast in Sichtweite. Es gibt keine Erwartungshaltung gegenüber Gott, dass das Leben hätte länger sein sollen. Die Trauerphase für Verstorbene ist äußerst kurz.

In Deutschland bringt die Corona-Krise die Verwundbarkeit des menschlichen Daseins wieder ins Bewusstsein. Das ist eine ungewöhnliche Erfahrung für die meisten Menschen in Europa, aber eine alltägliche Erfahrung vieler Menschen in der Welt. Ich beobachte, dass unsere Christinnen und Christen in ihrem Ausgeliefertsein an die Natur in bewusster Weise ihre Zuversicht ganz auf Gott bauen. Denn durch den Glauben weicht die Angst der Gewissheit, dass der Herr unsere Zuflucht ist, besonders im Leid und in Existenznöten. Wenn unser Leiden in die Beziehung mit Jesus Christus hineingenommen wird, dann erfahren wir die göttliche Kraft, die alles zum Guten verwandelt. Auf diese Weise zu vertrauen, ist eine Gabe Afrikas an das säkulare Europa.

Die Nuer sind Halbnomaden und polygame Hirten, genau wie die biblischen Stammväter. Es gibt eine wunderbare Stelle im Hebräerbrief, an der der Lebensstil der wandernden Stammväter als Sinnbild für unsere irdische, vorläufige Existenz herangezogen wird (Heb 11,8 –16). Ich habe durch mein Mitleben bei den Nuer verinnerlicht, dass ich auf der Erde Gast und Pilger mit einer anderen, ewigen Heimat bei Gott bin. Das hat Konsequenzen, wie ich mein Leben gestalte. Wer mit einem Anker im Himmel im Diesseits lebt, wird sein Leben mit Zuversicht aktiv gestalten. Wer mit Hoffnung auf den Gott hinlebt, der die Seele retten kann, dem wird keine irdische Bedrohung dieses Vertrauen nehmen können. Ich habe gelernt, jeden Moment unseres (langen oder kurzen) Lebens wertzuschätzen und es in der Nachfolge Jesu im Dienst an Gott und meinen Mitmenschen bewusst zu gestalten.
P. Gregor Schmidt

P. Gregor Schmidt

Der Comboni-Missionar (P. Gregor Schmidt) hat seinen Orden in Peru im Rahmen seines Zivildienstes kennengelernt. Er studierte katholische Theologie in Bonn, Jerusalem und Innsbruck. Seit elf Jahren lebt Pater Gregor unter Hirtenvölkern im Südsudan, zuerst bei den Mundari und seit acht Jahren bei den Nuer. Er betreut die Holy Trinity-Pfarrei in der Diözese Malakal. Das Gebiet liegt im Sudd, dem Überschwemmungsgebiet des Nil.