Dienstag 9. Juli 2019
Patricia Blank aus Tettnang arbeitet für ein Jahr in Alenga (Uganda) als Missionarin auf Zeit. In ihren Briefen berichtet sie von ihren Erfahrungen und Erlebnissen. „Das ist schon eine ganz andere Welt als bei uns, gell?“, schrieb mir meine Tante kürzlich via Whatsapp. Mein erster Reflex wäre gewesen, einfach „ja klar“ zu schreiben. Doch mittlerweile kommt mir mein Leben und die Welt hier in Alenga vor wie das Normalste der Welt.

Kultur und Tradition

In den letzten Monaten hatte ich einmal mehr die Chance, die Traditionen und Kultur der Lango mitzuerleben und mitzufeiern. Mitte Februar heiratete die Schwester meiner Freundin ihren Mann im ganz traditionellen Rahmen. Spannend mitzuerleben für uns war die Tradition des gegenseitigen Vorstellens und Empfangens des jeweiligen Clans der Frau und des Mannes, die tanzten, jubelten und ihre Clanfahne schwangen. Bei den Langi besteht eine Hochzeit traditionell aus zwei Teilen, der Hochzeit und der „Einführung“, das ist quasi die Verlobung, nur dass es hier noch zur Kultur gehört, dass die Familie des Mannes der Familie der Frau Kühe, Ziegen und einiges mehr zahlen muss.

Die Hochzeit selber war dann natürlich auch ein ganz besonderer Tag, denn etwas dieser Dimension hatten wir bislang nicht erlebt. Sogar ein bisschen Deutschland fand Platz: Zu unserer aller Begeisterung spielte eine Blaskapelle, und hinter dieser marschierten wir als Chor dann her und geleiteten so das Auto mit dem Brautpaar zu deren Hof, auf dem nun die Feier stattfand.

Lebendigkeit des Glaubens

Die Lebendigkeit des Glaubens durfte ich einmal mehr erfahren, als wir einen Ausflug nach Lira zur Amtseinsetzung des neuen Bischofs unternahmen. Wir feierten den Gottesdienst und brachten am Ende unser gemeinsames Geschenk dem Bischof: Zwei Ziegen. Zum ersten Mal in meinem Leben nahm ich auch die Fastenzeit ganz bewusst war, und zwar nicht wie früher als die Zeit, in der ich keine Süßigkeiten esse, sondern als die Vorbereitung auf Ostern. Kaum hatte ich mich versehen, war sie dann auch schon da, die Karwoche. Ich erlebte meinen ersten Palmsonntag mit echten Palmwedeln, und meinen ersten Karfreitag, bei dem der Kreuzweg aufgrund der prallen Sonne und der Hitze doch anstrengend war.

Ewig in Erinnerung behalten werde ich auch die Osternachtmesse, in der all jene Lebensfreude der Menschen, die Lebendigkeit, mit der Glauben hier gelebt wird und die Hoffnung, die die Menschen aus Gott schöpfen, spürbar wurden. Nachdem die ganze Fastenzeit über nicht getanzt werden durfte, feierten wir nun Jesu Auferstehung mit viel klatschen, tanzen und „Halleluja“ singen. Mit genauso viel Begeisterung wurden dann auch um die dreißig Kinder durch die Taufe in unsere Gemeinde aufgenommen.

Unbeschreibliche Momente

„Live for the moments you cannot put into words”, ist ein Motto, dass ich schon in Deutschland sehr mochte, um Tage zu beschreiben, an denen einfach alles zusammen zu passen schien, die auf ihre Weise perfekt waren. Dazu gehört auch ein unvergesslicher Arbeitstag, an dem ich mit meinen Kollegen in unserem Krankenwagen unterwegs war zu Schulen in sehr ländlichen Gegenden nahe des Nils. Allein die Fahrt war für mich ein tolles Erlebnis, denn recht selten bekomme ich die Gelegenheit Orte zu sehen, die nicht in Laufweite zum Konvent sind. Bei den Schulen angekommen half ich dann bei der Ausgabe von Entwurmungstabletten und bei Impfungen. Diese Stunden haben mir besonders viel Freude bereitet, weil eben alles passte: ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und umgeben von meinen Kollegen. Zudem hatte ich das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun.

Doch es gibt noch mehr unglaubliche Momente bei meiner Arbeit, die ich so schwer in Worte fassen kann, allen voran auch, wenn ein neuer kleiner Erdenbürger die Welt erblickt und ich plötzlich einen neuen kleinen Menschen im Arm halte.

Neue Perspektiven

Hier in Alenga lebe ich wirklich im hier und jetzt. Während ich mittlerweile genieße, dass immer „nur“ der aktuelle Tag zählt, war genau das am Anfang doch eine Herausforderung für mich, hatte ich in meinem Leben doch vorher immer etwas gehabt, auf das ich hinarbeitete.

Ich bin stolz auf mich, dass ich mich hier in Uganda an Dinge wage, die ich in Deutschland abgelehnt hätte, dazu gehört zum einen das Singen, zum anderen aber auch das Nähen, denn ich bin weder die schnellste noch die talentierteste Näherin.

Doch das Leben hier hat mir auch eine weitere neue Perspektive auf die Welt gezeigt. Mir ist klar geworden, wie wenig man eigentlich zum glücklich sein braucht, dass es gar nicht schwer ist, den eigenen Konsum einzuschränken. Was eigentlich zählt, sind die Menschen, die einen umgeben. Und doch, den ein oder anderen deutschen Luxus könnten wir hier gut gebrauchen. Denn während sich in Deutschland darüber beschwert wird, dass es mal wieder keine weiße Weihnacht gab, sind es die Menschen hier, die jetzt schon wirklich unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden, denn da die meisten von ihnen als Bauern ihren Lebensunterhalt verdienen, sind sie vom Regen abhängig. Und kommt dieser dann wie dieses Jahr anderthalb Monate zu spät und wie jetzt immer noch unregelmäßig, dann wird aus zwei Mahlzeiten pro Tag plötzlich nur noch eine, dann bleiben Einnahmen aus, Schulgeld kann nicht mehr bezahlt und Krankheiten nicht mehr behandelt werden. Und so sind es die Menschen hier in Alenga, aber auch in anderen Entwicklungsländern, die jetzt schon viel mehr als wir Europäer unter dem Klimawandel leiden, obwohl sie nur wenig dafür verantwortlich sind. Schließlich besitzen sie kein Auto, sondern fahren Fahrrad und haben keinen Stromanschluss, sondern nutzen Solarlampen.

Zwischenbilanz

„Nach dem Abitur wolltest du wohl erstmal raus die Welt sehen“, ist ein Kommentar, der mir bezüglich meines Auslandsjahres nicht selten begegnet. Nachdem nun zwei Drittel von eben jenem vorbei sind, kann ich nur sagen: Die Welt sehen? Nein, sicher nicht. Mein Alltag spielt sich auf ungefähr ein bis zwei Quadratkilometern ab, äußerst selten mehr. Ich würde weder behaupten, dass ich Afrika, noch Ostafrika, und auch nicht ganz Uganda kenne. Denn die einzelnen Stämme und Regionen unterscheiden sich was Kultur, Sprache, Landschaft und Entwicklungsstandard angeht grundlegend. Und doch habe ich irgendwie die Welt gesehen, nur nicht geografisch. Erst jetzt habe ich das Gefühl zu begreifen, was die Welt eigentlich bedeutet. Größer ist die Welt, weil mir ihre Vielfalt gezeigt wurde und ich dabei bin diese zu begreifen. Aber vor allem ist die Welt näher zusammengerückt. Weil ich hier begriffen habe, was Menschsein bedeutet. Dieses Wissen, dass wir Menschen dieser Erde uns alle sehr ähnlich sind, wird mich ein Leben lang begleiten. Ich habe nicht die Welt gesehen, aber ich habe sie erfahren. Ich habe Menschen kennengelernt, die mir nun die Welt bedeuten. Erfahrungen gemacht, die meine Weltsicht und mein Leben wohl mehr prägen, als ich es mir im Moment überhaupt vorstellen kann. Weil es mir Werte und Ansichten vermittelt, die mich ein Leben lang begleiten werden, weil es mich unwiderruflich verändert hat.

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